Metanavigation:

Hier finden Sie den Zugang zur Notfallseite, Kontaktinformationen, Barrierefreiheits-Einstellungen, die Sprachwahl und die Suchfunktion.

Navigation öffnen

Störungen der geschlechtlichen Identität (Geschlechtsdysphorie)

Zu diesem Störungsbild gehören Verunsicherungen, Irritationen und Missempfindungen bezüglich der eigenen Geschlechtszugehörigkeit. Prägnant ist das innerliche Gefühl, entgegen dem eigenen biologischen Geburtsgeschlecht dem anderen Geschlecht anzugehören, also im "falschen" Körper leben zu müssen, woraus der Wusch entsteht, diesen Zustand zu ändern.

Innerhalb dieser Störungsgruppe gibt es verschiedene Abstufungen und Ausprägungen, die unterschiedliche Hintergründe haben können und unterschiedlich behandelt werden müssen, weshalb diese Beschwerden unter dem Oberbegriff Geschlechtsidentitätsstörungen zusammengefasst werden. Vorübergehendes Unwohlsein im eigenen Geschlecht, Unzufriedenheit und Unsicherheit bezüglich der eigenen sozialen Geschlechtsrolle sowie evtl. kosmetisch oder anders begründete Bedürfnisse nach körperverändernden Maßnahmen haben mit dieser Störungsgruppe nichts zu tun.

Sie befinden sich hier:

Therapie

Personen mit tatsächlichen Geschlechtsidentitätsstörungen bedürfen in aller Regel einer spezialisierten psychotherapeutischen Behandlung, wobei das Therapieziel nicht in einer "Bekämpfung oder Umkehrung" des Wunsches nach einem Geschlechtswechsel besteht, sondern ausschließlich darin, den Betroffenen die Möglichkeit zu bieten, sich über einen längeren Zeitraum ergebnisoffen und differenziert mit der eigenen Geschlechtsidentität auseinanderzusetzen. Gleichzeitig dient eine solche psychotherapeutische Begleitung dazu, das eigene Leben in der eigentlich empfundenen Geschlechtszugehörigkeit in allen sozialen Bereichen auszuprobieren bzw. sich selbst im eigentlich empfundenen Geschlecht sozial zu erproben (sog. "Alltagstest") und die dabei auftretenden Eindrücke, Erlebnisse und Empfindungen mit sachverständiger Hilfe und Beratung verstehen und verarbeiten zu können.

Begleitung der Alltagserprobung

Für Menschen, die geschlechtsinkongruent empfinden, und vor der Einleitung von körperverändernden Maßnahmen eine Alltagserprobung in Anspruch nehmen möchten, bietet das Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin diese als „ergebnisoffenen Reflexionsprozess“ an. Die Alltagserprobung wird therapeutisch und partizipativ mit den Behandlungssuchenden ausgestaltet und forciert weder die Auflösung noch die Verstärkung des Transitionswunsches. Der gemeinsame Reflexionsprozess soll die Patient*innen zu einer voll informierten Entscheidung hinsichtlich weiterer Maßnahmen befähigen – die interdisziplinäre Expertise der Sexualmedizin, Psychotherapie, Endokrinologie und operativer Fächer hilft, den individuell besten Weg zur Linderung des Leidensdrucks zu finden. Auf Basis des individuellen Bedarfs wird der Reflexionsprozess in seiner Länge angepasst, dauert aber meist ca. 1 Jahr.

Aspekte, die während der Alltagserprobung im Dialog betrachtet werden, umfassen u.a.:

  • Geschlechtlichkeit
  • Geschlechtsrolle und -identität
  • Sexuelle Identität, Präferenz und Verhalten
  • Partnerschaft
  • Biologisches Geschlecht und Reproduktion
  • Herausforderungen im Umgang mit Reaktionen des gesellschaftlichen und sozialen Umfelds und möglichen Diskriminierungs- und Stigmatisierungserfahrungen
  • Diagnostische Abklärung und Ausschluss von Differenzialdiagnosen
  • Gegebenenfalls Einleitung körperverändernder Maßnahmen

Bedeutung der Alltagserprobung

Das Vorgehen des Instituts für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin misst der begleiteten Alltagserprobung weiterhin große Bedeutung zu, weil – im Sinne der Behandlungssuchenden – die größtmögliche diagnostische Sicherheit anzustreben ist, bevor körperverändernde Maßnahme eingeleitet werden.

Der medizinische Dienst des Spitzenverbandes der Krankenkassen e.V.  verweist aktuell noch auf die Alltagserprobung als Grundlage um hormonelle und operative Behandlungen einzuleiten („Begutachtungsanleitung für geschlechtsangleichende Maßnahmen“, MDS, 2009). Daher fordern die gesetzlichen Krankenkassen bei Anträgen zur Kostenübernahme geschlechtsangleichender Maßnahmen in der Regel noch den Nachweis einer Alltagserprobung, obwohl diese in der neuen AWMF-Leitlinie keine notwendige Voraussetzung mehr darstellt („Geschlechtsinkongruenz, Geschlechtsdysphorie und Trans-Gesundheit: S3-Leitlinie zur Diagnostik, Beratung und Behandlung“, AWMF, 2019, Register-Nr. 138 – 001). Dennoch wird auch hier darauf verwiesen, dass sie für Patient*innen aufschlussreich für die weitere Transition und Behandlungen sein kann.

Die Deutsche Gesellschaft für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft hat in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen, dass die jahrzehntelange Praxis der Alltagserprobung auch Einfluss darauf habe, dass der Anteil von Personen, die aufgrund unzureichender oder enttäuschender Alltagserprobungen eine Re-Transition anstreben, sehr gering ist (DGSMTW, 2018). Ein Verzicht auf die Alltagserprobung birgt somit das Risiko, dass der Anteil der sog. „Regretter“ steigen könnte – was aus medizinischer und ethischer Perspektive nicht vertretbar erscheint.